Der Staat effektiviert die Ressource Bildung

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Der Staat effektiviert die Ressource Bildung - Schüler und Studenten streiken: für ihr Ideal davon

1. Der Staat hat seine Kri­tik an sei­nem Bil­dungs­we­sen, die Aus­bil­dung deut­scher Hoch­schul­ab­sol­ven­ten daue­re im eu­ro­päi­schen Ver­gleich zu lange, koste ihn zu viel und sei zu wenig auf die spe­zi­fi­schen Be­dürf­nis­se der Ar­beits­welt zu­ge­schnit­ten, in die Pra­xis um­ge­setzt. Die gym­na­sia­le Schul­zeit wurde auf 8 Jahre ver­kürzt und dabei das Lern­pen­sum ver­dich­tet. Die uni­ver­si­tä­re Bil­dung wurde mo­du­la­ri­siert, die Zwi­schen­prü­fung zum ei­gen­stän­di­gen Uni­ver­si­täts­ab­schluss (Ba­che­lor) er­klärt, das wei­ter­ge­hen­de, ver­tief­te Stu­di­um stark be­schränkt und den Stu­den­ten ein Bei­trag zur Fi­nan­zie­rung ihrer Aus­bil­dung ab­ver­langt, in die auch ,die Wirt­schaft' ver­stärkt ein­be­zo­gen wird.

Sehr deut­lich wird also klar­ge­stellt, wozu in die­ser Ge­sell­schaft Bil­dung da ist: Er­klär­ter­ma­ßen soll sie ka­pi­ta­lis­ti­schen und öf­fent­li­chen Ar­beit­ge­bern junge und für ihren Be­darf pas­send qua­li­fi­zier­te Ar­beits­kräf­te lie­fern. In­so­fern in­ter­es­siert das Wis­sen als Qua­li­fi­ka­ti­on: ver­mit­telt wird, was den je­wei­li­gen Ar­beit­ge­bern dient und die Ler­nen­den die­sem Be­darf dienst­bar macht. Die Ver­mitt­lung die­ses Wis­sens ist in der Form des Leis­tungs­ver­gleichs or­ga­ni­siert, d.h. an sei­ner An­eig­nung pro Zeit sol­len sich die Ler­nen­den un­ter­schei­den. Be­zweck­tes Re­sul­tat die­ser Kon­kur­renz­ver­an­stal­tung ist die Aus­ein­an­der­sor­tie­rung der Schü­ler und Stu­den­ten in eine dif­fe­ren­zier­te Hier­ar­chie von Bil­dungs­ab­schlüs­sen. Die sind ih­rer­seits Zu­las­sungs­vor­aus­set­zun­gen für die Hier­ar­chie der Ar­beits­plät­ze, die die Welt der Ar­beit­ge­ber zur Ver­fü­gung stellt - die ganz ne­ben­bei die Hier­ar­chie der Le­bens­ver­hält­nis­se in der Klas­sen­ge­sell­schaft be­stimmt.

Mit dem er­folg­rei­chen Durch­lau­fen der schu­li­schen Se­lek­ti­on ist für die­je­ni­gen, die der Aus­sor­tie­rung in die un­an­ge­neh­men und schlecht be­zahl­ten Be­ru­fe fürs erste ent­gan­gen sind, der Durch­set­zungs­kampf gegen an­de­re im Leis­tungs­ver­gleich am Wis­sen nicht vor­bei. Für die Se­lek­ti­on an der Uni­ver­si­tät reicht nun die er­folg­rei­che An­eig­nung von "Lern­stoff" nicht mehr aus; zu be­wäh­ren haben sich die Stu­den­ten nun daran, sich - re­la­tiv er­folg­rei­cher als ihre Kom­mi­li­to­nen, ver­steht sich - als selbst­be­wuss­te Ver­tre­ter ihres Fachs dar­zu­stel­len. Der Staat will in sei­ner Elite nicht Mit­ma­cher, son­dern Über­zeu­gungs­tä­ter.

2. Schü­ler und Stu­den­ten be­kom­men "Leis­tungs­druck" zu spü­ren; sie er­fah­ren, dass ihre Stu­di­en­zeit mit "Ver­schu­lung, Re­gel­stu­di­en­zeit und Dau­er­über­prü­fung" un­ge­müt­li­cher wird - und diese Un­zu­frie­den­heit ist ab­so­lut ver­ständ­lich. Be­mer­kens­wert ist, dass sie aus ihrer Un­zu­frie­den­heit über­haupt keine Über­le­gun­gen fol­gen las­sen, mit was für einer Ver­an­stal­tung sie es da zu tun haben, wel­chem Zweck also ihr Är­ger­nis ge­schul­det ist. An­statt das Bil­dungs­we­sen zu kri­ti­sie­ren, stel­len sie sich neben die schlech­te Rea­li­tät des Bil­dungs­we­sens und hal­ten ihr ein­fach die ei­ge­ne Ide­al­vor­stel­lung von einem guten Bil­dungs­we­sen ent­ge­gen, in der sie vom real exis­ten­ten alles ab­ge­zo­gen haben, was sie stört. Ihre Geg­ner­schaft zum wirk­li­chen Bil­dungs­we­sen füh­ren sie mit dem Vor­wurf, dass es hö­he­re Werte miss­ach­te, denen Bil­dung ei­gent­lich zu ent­spre­chen hätte. Die be­klag­te Wirk­lich­keit neh­men sie nur zur Kennt­nis als Ab­wei­chung von einem jahr­hun­der­te­al­ten, von ihnen selbst so ge­nann­ten Bil­dungs-Ide­al - also von etwas, das ein­ge­stan­de­ner­ma­ßen noch nie­mals ir­gend­wann als Leit­fa­den für die Pra­xis der Bil­dung Gül­tig­keit hatte.

Wo­ge­gen die wirk­li­che Bil­dung dem­nach ver­stößt, ist "das hu­ma­nis­ti­sche Ideal einer zur kri­ti­schen Re­fle­xi­on be­fä­hi­gen­den, ge­mein­wohlo­ri­en­tier­ten Bil­dung" (bil­dungs­streik- .net), ein Ideal, wel­ches seit jeher zum Bil­dungs­we­sen da­zu­ge­hört und gegen des­sen Miss­ach­tung sich nicht nur kri­ti­sche Stu­den­ten, son­dern auch die Or­ga­ne der kri­ti­schen Öf­fent­lich­keit wen­den:

""Für Stu­den­ten heißt die neue Bo­lo­gna-Wirk­lich­keit: Ziel­stre­big­keit ohne Um­we­ge und Sack­gas­sen. Neu­gier, Er­kennt­nis­in­ter­es­se, selb­stän­di­ges Den­ken - also alles, was hö­he­re Bil­dung aus­macht - blei­ben auf der Stre­cke." (FAZ, 19.6.09)"

Mit die­sem Ideal ist kei­ner­lei Ein­wand gegen ir­gend­ei­nen Leh­r­in­halt for­mu­liert, son­dern alles ge­bil­ligt, was zum Stu­di­enstoff ge­hört. Damit soll auch kei­ner­lei Kri­tik am Zweck des Aus­bil­dungs­we­sens geübt sein. Dem Pro­test zu­fol­ge hat die An­eig­nung des zu er­ler­nen­den Wis­sen­s­ka­nons so lange einen Man­gel, so­lan­ge er nur "aus­wen­dig ge­lernt" und "nach­ge­be­tet", an­statt selbst­be­wusst und über­zeugt ver­tre­ten wird. Zwar geht "Den­ken" so­wie­so nicht an­ders als "selbst­stän­dig", aber das Ge­mein­te ist klar: Damit sich die Stu­den­ten ihr Fach­wis­sen aktiv zu­ei­gen ma­chen, brau­chen sie Ge­le­gen­heit für "Um­we­ge und Sack­gas­sen". An­statt zum eta­blier­ten Wis­sen­s­ka­non ge­führt zu wer­den, sol­len die Stu­den­ten selbst­stän­dig den Weg zu ihm fin­den. Das ge­hört eben zur Qua­li­fi­ka­ti­on des Füh­rungs­per­so­nals, das als ge­sell­schaft­li­che Elite in der Lage sein soll, am In­ter­es­se der zu­künf­ti­gen Ar­beit­ge­ber die ge­wünsch­ten Diens­te zu ver­rich­ten: Die An­eig­nung von Wis­sen auf die­ser Ebene soll­te sich un­be­dingt mit dem Stand­punkt und dem Selbst­be­wusst­sein ver­bin­den, das alles aus frei­en Stü­cken zu tun! Das erst macht "hö­he­re Bil­dung" aus. Wer mit die­sem af­fir­ma­ti­ven Ideal nichts zu tun haben und statt des­sen wirk­lich "kri­tisch sein" und "rich­tig kri­ti­sie­ren" möch­te, dem bleibt es nicht er­spart, das dann auch zu ma­chen, an­statt einen An­trag bei der Kul­tus­be­hör­de zu stel­len, end­lich eine Lehr­ein­heit "kri­ti­sches hu­ma­nis­ti­sches Re­flek­tie­ren" ein­zu­rich­ten.

3. Die kri­ti­schen De­mons­tran­ten, die die ei­gent­li­che, "ge­mein­wohlo­ri­en­tier­te Bil­dung" von "der Wirt­schaft" usur­piert sehen - an deren Zweck sie auch nichts wei­ter kri­ti­sie­ren wol­len -, haben kei­ner­lei Be­rüh­rungs­ängs­te mit den Ar­gu­men­ten der Kom­mi­li­to­nen, die "mehr Bil­dung" for­dern mit dem Ar­gu­ment, von ihr hänge die Zu­kunft der gan­zen Na­ti­on, ins­be­son­de­re der na­tio­na­len Wirt­schaft, ab. Die wer­fen der Po­li­tik vor, ver­ges­sen zu haben, dass "Bil­dung unser ein­zi­ger Roh­stoff" sei, ma­chen Vor­schlä­ge, wel­che Pos­ten des Staats­haus­halts einer sinn­vol­le­ren Ver­wen­dung im Bil­dungs­sek­tor zu­ge­führt wer­den soll­ten, und ver­fas­sen Pe­ti­tio­nen an Po­li­ti­ker, in denen es heißt:

""An­ge­sichts des herr­schen­den Fach­kräf­te­man­gels hal­ten wir es für äu­ßerst kon­tra­pro­duk­tiv, ta­len­tier­te junge Men­schen von einem Stu­di­um ab­zu­hal­ten." (Pe­ti­ti­on der Lan­de­sAs­ten­Kon­fe­renz (LAK) Bay­ern, studiengebuehrenbayern.de)"

Die­sen ide­el­len Res­sour­cen­ver­wal­tern ist es of­fen­sicht­lich selbst­ver­ständ­lich, dass Wis­sen für kei­nen an­de­ren Be­darf da ist als den der hei­mat­li­chen ka­pi­ta­lis­ti­schen Wirt­schaft und sei­ner Ver­wal­tung. Bil­dung braucht es in dem Maße, wie sie dem na­tio­na­len Stand­ort nützt! Wer die­sen Stand­punkt ein­nimmt, muss den wirk­li­chen Res­sour­cen­ver­wal­tern zu­ge­ste­hen, dass ein ge­müt­li­ches "Bum­mel­stu­di­um" na­tür­lich auch nicht nütz­lich, son­dern "äu­ßerst kon­tra­pro­duk­tiv" ist; dass die Wirt­schaft nicht nur hoch qua­li­fi­zier­te Mas­ters, son­dern auch halb qua­li­fi­zier­te Ba­che­lors brau­chen kann; und dass es dem Stand­ort nützt, wenn sich an den Kos­ten zur Aus­bil­dung der Res­sour­ce ,Fach­kraft' auch Spon­so­ren und Stu­den­ten be­tei­li­gen, ist auch nicht von der Hand zu wei­sen. Dass die Or­ga­ni­sa­ti­on nütz­li­cher Aus­bil­dung für den Stand­ort Deutsch­land ver­bes­sert wer­den könn­te - soll­te das alles ge­we­sen sein, was der stu­den­ti­sche Pro­test mit­tei­len woll­te?

Aus Ge­gen­Stand­punkt 3-09