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	<title>Zeit-Online, &quot;Nieder mit Bologna&quot; - Versionsgeschichte</title>
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	<subtitle>Versionsgeschichte dieser Seite in POT81</subtitle>
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		<id>https://pot81.de/wiki81/index.php?title=Zeit-Online,_%22Nieder_mit_Bologna%22&amp;diff=9405&amp;oldid=prev</id>
		<title>141.76.178.167 am 6. Dezember 2009 um 18:29 Uhr</title>
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		<updated>2009-12-06T18:29:15Z</updated>

		<summary type="html">&lt;p&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;b&gt;Neue Seite&lt;/b&gt;&lt;/p&gt;&lt;div&gt;DIE ZEIT, 26.11.2009 Nr. 49 - 26. November 2009 &lt;br /&gt;
http://www.zeit.de/2009/49/Studentenbild &lt;br /&gt;
HOCHSCHULREFORM &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Nieder mit Bologna! &lt;br /&gt;
Eine sogenannte Reform hat die deutschen Universitäten zerstört. Sie können nur &lt;br /&gt;
gerettet werden, wenn der kontrollierte Student wieder Bummelstudent werden darf. &lt;br /&gt;
Viele Studenten möchten mal wieder in Ruhe nachdenken können, ohne Credit &lt;br /&gt;
Points zu sammeln © photocase/prokop &lt;br /&gt;
Ist der Bummelstudent wieder da? Seit Jahren versucht man aus dem deutschen &lt;br /&gt;
Studenten einen besseren, einen effizienteren Menschen zu machen. Ihm wurde &lt;br /&gt;
das lästige Studium gestrafft, kontrolliert werden jetzt minutiös seine Leistungen, &lt;br /&gt;
dicht gedrängt ist sein Stundenplan. Der Nichtsnutz aber blockiert neuerdings &lt;br /&gt;
den Hörsaal und geht mit allerlei bunten Forderungen auf die Straße: Er will keine &lt;br /&gt;
Studiengebühren zahlen. Er sagt, die neuen Studiengänge seien überreguliert, &lt;br /&gt;
sie sollten wieder abgeschafft werden. Er sagt, er könne sich nicht frei entfalten. &lt;br /&gt;
Kurzum: Der deutsche Student will wieder bummeln. &lt;br /&gt;
Und zwar völlig zu Recht. Das ungerichtete Herumstudieren an der deutschen &lt;br /&gt;
Universität, vorzugsweise in geisteswissenschaftlichen Disziplinen, hat eine &lt;br /&gt;
ehrwürdige Tradition. Sie reicht im Übrigen auch viel zu lange zurück, um sie in &lt;br /&gt;
wenigen Jahren zu beseitigen. Als der amerikanische Schriftsteller Mark Twain &lt;br /&gt;
1878 Heidelberg besuchte, wunderte er sich sehr über die »wenigen Vorschriften« &lt;br /&gt;
an den deutschen Hochschulen. Der Student »wird nicht für eine bestimmte &lt;br /&gt;
Zeitspanne an der Universität aufgenommen«, notierte er, »deshalb ist es auch &lt;br /&gt;
wahrscheinlich, dass er mal wechselt. Er braucht zur Aufnahme an der Hochschule &lt;br /&gt;
keine Prüfungen abzulegen… Er zahlt gerade mal eine Aufnahmegebühr von fünf &lt;br /&gt;
oder zehn Dollar, erhält einen Ausweis, der ihm Zugang zu den Einrichtungen der &lt;br /&gt;
Universität verschafft, und das war es auch schon… Er wählt das Fach, das er &lt;br /&gt;
studieren will, und trägt sich für das Studium ein, aber er kann beim Besuch der &lt;br /&gt;
Vorlesungen auch mal aussetzen.« &lt;br /&gt;
Noch vor zehn Jahren wären diese vor über 130 Jahren gemachten &lt;br /&gt;
Beobachtungen eine exakte Charakterisierung des deutschen Studenten gewesen. &lt;br /&gt;
Das Bummeln war, modisch gesprochen, sein Alleinstellungsmerkmal. Und mit &lt;br /&gt;
Bummeln war, recht besehen, keineswegs Faulheit gemeint (die es zweifelsohne &lt;br /&gt;
auch gab), sondern eine den Sozialneid nachgerade heraufbeschwörende &lt;br /&gt;
Lebensweise: Seminare, von uninspirierten Professoren abgehalten, brach der &lt;br /&gt;
deutsche Student gerne ab. Er gab sich in einer jede Vernunft überschreitenden &lt;br /&gt;
Emsigkeit eigenen Vorlieben hin, besuchte Veranstaltungen (die man sich damals &lt;br /&gt;
noch weitgehend frei auswählen konnte) vorzugsweise von charismatischen &lt;br /&gt;
Dozenten, las in kurioser Hingabe Kafkas Erzählungen, um zwei Semester &lt;br /&gt;
verspätet eine viel zu lange, sechzigseitige Seminararbeit abzugeben, die nicht nur&lt;br /&gt;
klaglos angenommen, sondern auch noch bestens benotet wurde – ein Vorgang, &lt;br /&gt;
der heute schon aus formalen Gründen verunmöglicht wird. &lt;br /&gt;
Waren von den wenigen Pflichtscheinen, die der Bummelstudent absolvieren &lt;br /&gt;
musste, ein paar unliebsame dabei, so saß er derlei Veranstaltungen mit &lt;br /&gt;
höhnischem Desinteresse ab – die Beurteilung am Ende des Semesters war für &lt;br /&gt;
die spätere Examensleistung belanglos. Er war fleißig auf eine Weise, die man &lt;br /&gt;
tatsächlich nur als bummelnd im Sinne von spazierend oder herumstreunend &lt;br /&gt;
bezeichnen kann. Und es machten bisweilen ausgerechnet jene Karriere, die zum &lt;br /&gt;
verwilderten, zum absichtslosen, zum ungezwungenen Denken, zur störrischen &lt;br /&gt;
Individualisierung, zu Eigenständigkeit neigten. Die ebendas verabscheuten, &lt;br /&gt;
was den Universitäten heute ihr Heiligstes ist: verschulte Studiengänge mit &lt;br /&gt;
Studienzeiten und Studienkonten, berufspraktische Übungen, Kontrollen &lt;br /&gt;
und Vergleichbarkeitskriterien, eine Verwaltung, die durch Evaluierungs- und &lt;br /&gt;
Akkreditierungswahnsinn um sich selbst kreist; das mechanische Einwerben von &lt;br /&gt;
Drittmitteln anhand zeitvernichtender Anträge; eine kolchosenhaft-interdisziplinäre &lt;br /&gt;
Umtriebigkeit, die das Gegenteil ist von intellektueller Einsamkeit und gelehrter &lt;br /&gt;
Ausstrahlung, die keinen messbaren Marktwert innehaben und auch deshalb &lt;br /&gt;
verspottet werden. &lt;br /&gt;
Es gab, mit anderen Worten, an den Universitäten einen Grad an Eigensinn, an &lt;br /&gt;
Unordnung und an verrauchter Unspießigkeit, der den unternehmensberaterisch &lt;br /&gt;
geschulten Reformer, der in den späten neunziger Jahren verbreitet aufkam und &lt;br /&gt;
der sich um die Wettbewerbsfähigkeit der Deutschen sorgte, nur heillos empören &lt;br /&gt;
konnte. Es wurde häufig angemerkt, dass der Reformeifer dem allerneuesten &lt;br /&gt;
Marktradikalismus entsprang. Und man hat sich tatsächlich nicht einmal die Mühe &lt;br /&gt;
gemacht, dies begrifflich zu vertuschen: Studienleistungen werden in den neuen &lt;br /&gt;
Bachelor- und Masterstudiengängen nach »Workloads« berechnet, also nach &lt;br /&gt;
Arbeitsaufwand, man sammelt »Credit Points«, Zielvorgaben von Universitäten &lt;br /&gt;
werden mit den Plastikwörtern Mobilität, Flexibilität, Praxisbezug und Wettbewerb &lt;br /&gt;
umrissen. &lt;br /&gt;
Womöglich soll derlei Vokabular ohnehin nur darüber hinwegtäuschen, &lt;br /&gt;
dass die von oben herab verordneten Universitätsreformen deutlich Züge &lt;br /&gt;
planwirtschaftlicher Leninisierung annehmen und Wettbewerb häufig nur simuliert &lt;br /&gt;
wird. Nicht nur das unproduktive Anwachsen der Überwachungsapparate und &lt;br /&gt;
die Erhöhung des Betriebsfaktors sprechen hierfür, sondern die Förderung &lt;br /&gt;
ausgesprochen spezifischer Charaktere an den Hochschulen: Der deutsche &lt;br /&gt;
Professor soll heute kein intellektueller Individualist mit nach außen strahlender &lt;br /&gt;
Gelehrsamkeit mehr sein, der mit seinen Büchern vor gar nicht allzu langer Zeit &lt;br /&gt;
durchaus eine breitere Öffentlichkeit erreichen konnte. &lt;br /&gt;
Der deutsche Professor nach neuem Wunschbild ist ein apparatschikhaft &lt;br /&gt;
vernetzter Großorganisator von Studiengängen, Graduiertenkollegs und &lt;br /&gt;
Sonderforschungsbereichen, der pflichtgemäß allerlei uninspirierte Sammelbände &lt;br /&gt;
herausgibt, um seinen Brotgelehrtenfleiß zu dokumentieren. Ihm entspricht der &lt;br /&gt;
Student, der sich nicht mehr um zwei Uhr nachts noch in Nabokovs Romane &lt;br /&gt;
vertieft, sondern der um acht Uhr morgens frisch rasiert den Hörsaal betritt, um&lt;br /&gt;
seinem Workload gerecht zu werden. Der auch nicht mehr – sofern er engagiert &lt;br /&gt;
und begabt ist – das Privileg genießt, von einem Dozenten frühzeitig in ein &lt;br /&gt;
Oberseminar eingeladen zu werden, sondern der lemminghaft die für seine &lt;br /&gt;
Alterskohorte vorgesehenen Pünktchen sammelt. &lt;br /&gt;
Die genaue Messbarkeit, Planung und Steigerung der Arbeitsleistung war &lt;br /&gt;
stets der Blütentraum des sozialistischen Idealfunktionärs gewesen, der die &lt;br /&gt;
Individualisierung im Westen als »dekadent« und als »elitär« brandmarkte. &lt;br /&gt;
Dieselben Kampfbegriffe werden heute von den Reformbefürwortern wieder &lt;br /&gt;
völlig geschichtsvergessen angeführt, um die alte Ordinarienherrlichkeit zu &lt;br /&gt;
denunzieren. Ihre Argumentation mündet zumeist in den Vorwurf, die Professoren &lt;br /&gt;
seien faul und an der Lehre desinteressiert gewesen – deshalb sei man zu den &lt;br /&gt;
umfassenden Kontrollmechanismen übergegangen, die nebenbei den schönen &lt;br /&gt;
Vorzug hätten, gleich noch den trägen und orientierungslosen Langzeitstudenten &lt;br /&gt;
mitzubeseitigen. Gustav Seibt hat in der Süddeutschen Zeitung vor Kurzem &lt;br /&gt;
treffend angemerkt, dass der sogenannte Bologna-Prozess, die Idee eines &lt;br /&gt;
europaweit vereinheitlichten, durch Modularisierung vergleichbar gemachten &lt;br /&gt;
Studierens, in seinem negativen Menschenbild den Hartz-IV-Maßnahmen &lt;br /&gt;
überraschend ähnelt. &lt;br /&gt;
Man setzt auf Zwang statt auf Anreize: So wie Hartz IV auf Arbeitsscheue und &lt;br /&gt;
Transferleistungsabgreifer starre, richte sich das bürokratisierte Bologna-Studium &lt;br /&gt;
an den angeblich zu Faulheit neigenden Studenten. Es sei überdies kein Zufall, &lt;br /&gt;
dass die Reform ihre Befürworter »vor allem auf den ›Beruf und Chance‹-Seiten &lt;br /&gt;
der großen Zeitungen findet«. &lt;br /&gt;
Keine Missentwicklung der alten Universität (der bisweilen unschöne &lt;br /&gt;
Paternalismus, die männerbündische Verfilzung, die Unkoordiniertheit der &lt;br /&gt;
Lehre, die Orientierungslosigkeit der Massen) reicht an die Verheerungen heran, &lt;br /&gt;
die durch die fatale Entbürgerlichung an den Universitäten mit ihren neuen &lt;br /&gt;
Studiengängen angerichtet wird. Gedemütigt werden die begabteren Studenten, &lt;br /&gt;
die sich einst, dem Eros des Wissens verpflichtet, bereits als Erstsemester still und &lt;br /&gt;
heimlich in die letzte Reihe eines Hauptseminars setzen konnten – heute dürfen &lt;br /&gt;
sie sich frustriert an den Schwächsten ihres Jahrgangs messen. Beseitigt wird &lt;br /&gt;
jede Charakterbildung, die der Stromlinie trotzt. Befördert wird auf breiter Front &lt;br /&gt;
die »Verfälschung des Schöpfergeistes in Berufsgeist«, wie es Walter Benjamin in &lt;br /&gt;
seinem Aufsatz Das Leben der Studenten formulierte, der ganz im Sinne Friedrich &lt;br /&gt;
Schillers vor der »Erstarrung des Studiums zu einem Haufen von Wissen« warnte. &lt;br /&gt;
Fast überflüssig zu erwähnen, dass die planwirtschaftlich betriebene &lt;br /&gt;
Umstrukturierung der Universitäten auch nach Maßgabe der selbst gesteckten &lt;br /&gt;
Ziele gescheitert ist. Das frei gewählte Wechseln des Studienortes ist noch &lt;br /&gt;
schwieriger geworden als zuvor, da die Studiengänge oftmals derart spezialisierte &lt;br /&gt;
Profile haben, dass sie sich als inkompatibel erweisen. Ob ein stärkerer Bezug zur &lt;br /&gt;
Arbeitswelt geschaffen ist, gilt als höchst fraglich. Die Studienabbrecherquote ist &lt;br /&gt;
eklatant hoch.&lt;br /&gt;
Man spricht nun allenthalben von »handwerklichen Fehlern«, die beseitigt &lt;br /&gt;
werden müssten, und mahnt eine Reform der Reform an. Verständnis wird &lt;br /&gt;
auch großherzig den Demonstrationen entgegengebracht. Wünschenswert aber &lt;br /&gt;
wäre vielleicht, dialektisch gedacht, das Gegenteil: eine noch weitaus stärkere &lt;br /&gt;
Gängelung, Einengung, Normierung des deutschen Studenten. Nur damit ließe &lt;br /&gt;
sich seine Wut noch und hoffentlich endlich zu politischer Wirksamkeit steigern. &lt;br /&gt;
Es ist die berechtigte Wut einer Jugend, die deutlich erkennt, dass sie um ihre &lt;br /&gt;
Entwicklungschance betrogen wird. Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im &lt;br /&gt;
Premiumbereich unter www.zeit.de/audio &lt;br /&gt;
ZEIT ONLINE 2009&lt;/div&gt;</summary>
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